DIE GESCHICHTE

wie alles begann…

Eine wunderbare Geschichte

„Ich will Schreiben.“ Mit diesem Leitsatz mache ich mich im geliehenen Peugeot 206 Youngtimer auf den Weg in die Lüneburger Heide. Ein Coachingwochenende über die eigenen Werte soll mir helfen, endlich mit dem Schreiben zu beginnen. Von Experten empfohlen und aus Neugier gebucht. Der Frühbucherrabatt hat mich mit meinem Schnäppchenjägergen gefangen. Wohin die Sparmaßnahmen einen doch so treiben…

Als treue Weggefährtin ist meine Hündin Greta bei mir. Sie wirkt unsicher, was das Spektakel hier soll. 9 weitere Teilnehmer, ein energiegeladener Coach und ein Stuhlkreis. Oh boy, denke ich. Aber gut, wir schauen uns das Ganze in Ruhe an. Der ersten Kennenlernrunde folgt zu unserer großen Freude ein Schreibauftrag über die Natur. Wir sind Feuer und Flamme und machen uns mit unserem Notizbuch auf in den Wald.

Wir finden nichts. Hier gibt es zwar viel Schönes, aber nichts, was mich so sehr anspricht, dass ich darüber schreiben würde. Greta bringt mir laufend Stöckchen, das macht die Sache nicht leichter. Die Zeit rennt, also beschließe ich über den kleinen schwarzen Käfer zu schreiben, den zuvor eine Teilnehmerin auf meinem Bein entdeckt hatte. Der hatte meine volle Aufmerksamkeit: Ein Marienkäfer, nur eben ganz schwarz. Schwarz metallic, wie ich ihn jetzt poetisch in Versform beschreibe:

Ein kleiner flinker Käfer, ein Mariechen ganz in schwarz
Nobel glänzt er schwarz-metallic wie ein wunderschöner Quarz
Schimpft ihn jemand Mistkäfer, ist ihm das ganz egal
Der Wetteifer um Punkte eine unnötige Qual

Gern lebt er in Saus und Braus, jagt nach seinen Träumen
Mutig fliegt er hin und her, ohne etwas zu versäumen
Er ruht an starken Schultern, schaut den Damen unter’n Rock
den Blöden macht er auf den Kopf, denn darauf hat er richtig Bock

Wenn Du es willst, hört er Dir zu, erfreut sich an Deiner Wärme
Und lädst Du ihm auch Tonnen auf, tut er es trotzdem gerne
Als treuer Wegbegleiter möcht‘ er wissen, wer Du bist
Erzähl‘ ihm größten Unsinn, er glaubt Dir gern jeden Mist

Im Vortrag spüre ich Zweifel. Ich höre die schön geschriebenen Geschichten der Anderen, deren Leidenschaft gar nicht das Schreiben ist. Daneben erscheinen mir meine Verse albern.

Am nächsten Tag sieht die Welt schon etwas anders aus. Die halbe Nacht habe ich wach gelegen, um Schreibwerkstätten zu recherchieren. Ich bin fest entschlossen, das Zepter in die Hand zu nehmen. Mit ein wenig Schreibwerkzeug, vielleicht einem Mac im Sonderangebot, kann es ab nächster Woche richtig losgehen. Bei einem Glässchen Wein am Abend schließe ich einen Vertrag mit mir selbst: Ich werde schreiben. Meine fast vergessenen Protagonisten Tom und Teddy werden reaktiviert und Deutschland entdecken. Darauf gebe ich mir mein Wort. Am darauf folgenden Morgen verkünde ich den Plan vor der Gruppe.

Zurück in Hamburg, noch völlig high von meiner Entschlossenheit, erfahre ich von der Entscheidung einer Kollegin, in den Ferien 6 Wochen durch Frankreich zu reisen. Beneidenswert!

Wenn ich mein Projekt noch in diesem Leben fertig stellen will, dann muss ich in meinen Sommerferien wohl schreiben. Äh, nein, ich WILL lautet der neue Ton. Da kommt mir eine Idee: Ich könnte die Sommerferien natürlich auch zu Recherchezwecken nutzen und Deutschland bereisen. Aus Tom und Teddy werden zunächst erst einmal Stephie und Greta. Das hätte schon was! Mit der Bahn quer durch Deutschland… Vielleicht aber auch nicht ganz so günstig: Greta zahlt immerhin den Kinderpreis. Mich mit Sack und Pack von Bahnhof zu Bahnhof zu schleppen, scheint auch weniger reizvoll. Alternativ könnte ein Auto kaufen. Aber eigentlich brauche ich kein Auto. Geld dafür hätte ich allerdings schon. Von meiner Oma geerbt. Bislang für mich wenig interessant. Meine Oma hingegen interessierte sich immer sehr für Autos. Jeder neue Freund in meinem Leben wurde mit der Frage: „Und, hat er ein Auto?“ auf seine Tauglichkeit hin geprüft. Verneinte ich diese Frage, konnte sie ihre Enttäuschung schwer verbergen und schloss ihrer Frage schnell die Nächste an: „Hast DU denn ein Auto?“ „Nein, Oma, ich hab doch die Bahn.“ Daraufhin erntete ich jedes Mal einen sehr mitleidigen Blick: „Reicht‘s noch nicht?“ Schnell lenkte ich mit Zusatzinformationen zum neuen Freund ab: „Oma, der Neue, der hat ‘n Job!!“

Das Erbe meiner Oma in einem Auto anzulegen, erscheint mir eine großartige Idee. Den Sommer über mit Greta im Auto zu verbringen weniger. Da kommt der Geistesblitz und ein breites Grinsen: Ich kaufe mir ein Cabrio! Die Lösung kann so einfach sein. Schnell das Netbook aufgeklappt und schon sah ich IHN in einer Kleinanzeige: Meinen Käfer in schwarz metallic. Ich war gerührt und aufgedreht zugleich. Ein Beetle Cabrio, natürlich. Das muss ich sofort meiner Wochenendgruppe erzählen!

Zwei Wochen später unterschreibe ich den Kaufvertrag für mein neues Cabrio, das ich, wie sollte es anders sein, in Großhansdorf, dem letzten Wohnort meiner Oma kaufe. Auf der Fahrt zur Ummeldestelle fahre ich an ihrer alten Hamburger Wohnung vorbei, ihrer geliebten Fuhle und sehe sie zufrieden neben mir sitzen. Das erste Mal in Ihrem Leben fährt sie in einem Auto ohne Dach. Kurz darauf bringe ich die neuen Kennzeichen an:

HH-MT-1607

Hamburg, Martha Templin, geb. am 16.07.

Oma klatscht begeistert in die Hände und strahlt. Wir haben uns ein Auto gekauft. Nun sind wir auf unserer Fahrt quer durch Deutschland wohl zu dritt: Greta, Oma und ich…